„Haben die sich vertan?“ – Wie Design-Studierende ein Münsteraner Seniorenheim erobern
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„Designstudenten? Haben die sich nicht vertan? Was bitteschön haben eine Senioreneinrichtung und Studierende für Design gemeinsam?“
Diese Fragen schossen Sebastian Kors, dem Einrichtungsleiter des Seniorenzentrums Handorfer Hof, als Erstes durch den Kopf, als er den Anruf der FH Münster erhielt. Heute, Monate später, ist die Antwort darauf nicht nur völlig klar, sondern zutiefst bewegend: Sie teilen das gemeinsame Ziel, Lebensfreude im Alltag wieder greifbar zu machen.
Senioren als Co-Designer der eigenen Lebenswelt Seit April lief im Handorfer Hof ein außergewöhnliches Semesterprojekt. Unter der Leitung von Prof. Carolin Schreiber (Fachbereich Design, FH Münster) und Social Designerin Leonie Truß sowie der liebevollen Koordination von Viktoria Dell (Leitung Sozialer Dienst) trafen zwei scheinbar ferne Welten aufeinander. Ein achtköpfiges Studierenden-Team besuchte die Einrichtung jeden Freitag.
Es ging nicht darum, fertige Produkte überzustülpen. Mit einer systematischen Herangehensweise und viel Einfühlungsvermögen suchten die Studierenden nach Ressourcen, die noch da sind: alte Hobbys, tief verwurzelte Interessen und kostbare Erinnerungen, die in die Gegenwart transferiert werden sollten. Die sechs teilnehmenden Seniorinnen und Senioren wurden so zu Co-Designern ihrer eigenen Lebenswelt. Ein Prozess, der ohne die große Offenheit der Bewohner nicht möglich gewesen wäre. Das Ergebnis sind sechs maßgeschneiderte Projekte.
Erinnerungen auf dem Schoß
Wie etwa bei Dorothea. Die Seniorin ist in ihrem Leben viel gereist und war lange in der Missionsarbeit in Gambia tätig. Wenn sie sich alte Fotografien ansieht, blüht sie sichtlich auf. „Ich müsste mir die Fotos eigentlich viel häufiger ansehen“, pflegte sie zu sagen. Doch die schweren Fotoalben lagen unhandlich und versteckt im Regal.
Die Studentinnen Ines Dahlmann und Alina Hitelmakher griffen genau diese Situation auf. Sie entwickelten ein innovatives, weich gepolstertes „Erinnerungstablet“. In drei kleinen Fächern finden sich nun Fotos, Begriffe und Sticker, die Dorothea nach Lust und Laune kombinieren kann. Der Clou: Die Oberfläche lässt sich herausnehmen und als eleganter Bilderrahmen aufstellen. Dorotheas Dankbarkeit zeigte: Ihre kostbaren Erinnerungen sind nun wieder allgegenwärtig.
Mit den Händen sehen Für eine weitere Bewohnerin, der nur noch etwa vier Prozent ihres Sehvermögens geblieben sind, fand die Studentin Luca (Pumpe) eine ebenso brillante Lösung. Früher hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann leidenschaftlich gern Kuscheltiere genäht. Eine wertvolle Erinnerung für sie. Zwar fehlt ihr heute das Augenlicht, doch den Stoff und die Maschen kann sie noch immer gut ertasten.
Zusammen mit Luca entwarf sie ein vereinfachtes Stofftierdesign. Es besteht aus drei eckigen Einzelteilen, die sich gut erfühlen und an wenigen Stellen unkompliziert zusammennähen lassen. So kann sie ihrem Hobby trotz der starken Einschränkung weiter selbstständig nachgehen. „Vielleicht kann man die Ergebnisse schon auf dem nächsten Weihnachtsmarkt sehen“, kündigt Viktoria Dell voller Vorfreude an.
Malen mit 3D-Unterstützung Eine weitere Teilnehmerin malt für ihr Leben gern mit Buntstiften und hat dafür sogar einen eigenen Kreativtisch im Zimmer. Doch an Tagen, an denen ihre Hände stark zittern, verliert sie oft den Spaß am Zeichnen.
Die Studentin Amy Büscher nutzte einen 3D-Drucker, um ein spezielles Malbuch für sie zu entwickeln. Als Motiv-Inspiration hat sich ihr Reiseziel Dänemark als Herzensort herausgestellt. Diese Bilder wurden in eine haptisch erhabene Malvorlage überführt. Der praktische Nutzen: Die gedruckten Linien der Landschaften geben dem Stift Halt und verhindern, dass er beim Zittern abrutscht. Ein cleveres Design, das Selbstständigkeit erhält.
Kuratorin der eigenen Erinnerungen Anne Hemesath hat ein besonderes Gespür für die Gestaltung ihres Zimmers. Zwischen Pflanzen und selbst bemalten Leinwänden kuratiert sie vor allem Fotos ihrer großen Familie und persönliche Erinnerungsstücke. Diese kleinen, an der Wand arrangierten Ausstellungen sorgen stets für Gesprächsstoff bei Besuchern.
Um Anne diese Leidenschaft im Rollstuhl barrierefrei und eigenständig zu ermöglichen, entwickelte Studentin Charlotte Köster eine raffinierte Lösung: Eine große Magnettafel, die sich über einen motorisierten Seilzug per Fernbedienung bequem auf Rollstuhlhöhe herunterfahren lässt. Mit blütenförmigen Magnetgriffen kann Anne Bilder, Postkarten und kleine Gegenstände nach Belieben neu arrangieren und ihre Kunstwerke anschließend wieder an der Wand nach oben gleiten lassen. So bleibt sie die eigenständige Kuratorin ihrer liebsten Dinge.
Ein „Nach(t)tisch“ für die Gemeinschaft „Ich finde es schade, dass hier abends nach dem Essen alle direkt auf ihr Zimmer gehen. Ich würde gerne noch sitzen bleiben und ins Gespräch kommen.“ Mit diesen Worten brachte Bewohnerin Ingrid ein Bedürfnis vieler im Haus auf den Punkt. Ihre Offenheit macht sie zu einem Vorbild für gelebte Gemeinschaft; oft sitzt sie einfach auf einer Bank und wartet, bis sich ein Gespräch ergibt.
Produktdesign-Studentin Lisa Bahlinger verstand schnell: Hier ist kein klassisches Produkt gefragt, sondern soziale Raumgestaltung. Sie entwickelte das Konzept „Nach(t)tisch – Abends gemeinsam sein“ – ein offener Spiele- und Begegnungsabend. Flankiert wird dies von der digitalen Umgestaltung einer ungenutzten Ecke der anliegenden Kneipe zu einem gemütlichen Wohnzimmerbereich. Ein perfekter gestalterischer Anstoß für die Einrichtungsleitung, die eine Renovierung des Raumes ohnehin auf der Agenda hatte. Ganz im Sinne von Ingrid: „Reden ist ganz, ganz wichtig. Das tut uns allen gut.“
Maßgeschneiderte Klangwelten René, ein ehemaliger Archäologieprofessor, begeistert sich auch im Alter leidenschaftlich für Kunst und Musik. Um ihm seine Interessen im Alltag leichter zugänglich zu machen, entwarfen die Studentinnen Merle-Sophie Plischke und Wiebke Wendorff gemeinsam mit ihm eine individuell angepasste Audiostation.
Ein passgenaues Regal unter seinem Schreibtisch integriert den CD-Player so in seine gewohnte Umgebung, dass er seine Musik wieder eigenständig auflegen und wechseln kann. Ergänzend dazu richteten die Studentinnen sein Tablet so ein, dass er kinderleicht auf ausgewählte Podcast-Websites zugreifen kann. So entstand eine persönliche, barrierefreie Medienwelt, die an den Wissensdurst des Professors anknüpft und analoges mit digitalem Hören verbindet.
Beobachtungsgabe statt reiner Ästhetik Alle Projekte eint der genaue Blick für die Bedürfnisse der Nutzer. Das betont auch Prof. Carolin Schreiber: „Design bedeutet nicht nur schöne Bilder. Was unsere Studierenden hier leisten, erfordert eine große Beobachtungsgabe und Kommunikationsfähigkeit.“ Es gehe darum, mit Design verschiedene Disziplinen und Lebensrealitäten zu verbinden und Ideen für alle nachvollziehbar zu visualisieren.
Am vergangenen Donnerstag wurden die sechs vielfältigen Ergebnisse im Seniorenzentrum präsentiert. Bei einer abschließenden Tasse Kaffee tauschten sich Gäste, Studierende und die beteiligten Senioren über das Projekt aus. Das Fazit der Beteiligten ist so eindeutig wie herzerwärmend: Design hat im Seniorenzentrum absolut seinen Platz gefunden.
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