Wir öffnen die Briefe, vor denen Sie nachts nicht schlafen können
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Janina Kleuser, Schuldnerberaterin des Beratungs- und BildungsCentrums der Diakonie Münster
Ein Gespräch mit Janina Kleuser des Beratungs- und BildungsCentrums der Diakonie Münster über digitale Schuldenfallen bei Jugendlichen und Pfändungsschutzkonten, die zur Existenzbedrohung werden.
Wenn das Bargeld verschwindet, verliert das Ausgeben seine spürbaren Grenzen. Wer heute bezahlt, braucht oft kein Bargeld mehr. Doch diese Leichtigkeit hat einen Preis: Besonders junge Menschen verlieren den Überblick über ihre Finanzen. Wenn sich die Schulden dann stapeln, droht die Kontopfändung. Eigentlich soll das Pfändungsschutzkonto (P-Konto) in solchen Fällen das Geld zum Überleben sichern. Doch in der Praxis klappt das oft nicht.
In der aktuellen Aktionswoche der Schuldnerberatung (15. bis 19. Juni 2026) sprechen wir mit Janina Kleuser, Mitarbeiterin der Schuldnerberatung des Beratungs- und BildungsCentrums der Diakonie Münster, über unsichtbare Schulden und gesperrte Konten.
Bargeld wird immer seltener. Was bedeutet das für Jugendliche und junge Erwachsene?
Kleuser: Es wird viel einfacher, Schulden zu machen. Früher war das Portemonnaie irgendwann einfach leer – das war eine klare Grenze. Heute ist Geld unsichtbar geworden. Ein Klick auf dem Handy, ein Wischen mit der Smartwatch oder die Auswahl von „Jetzt kaufen, später bezahlen“ beim Online-Shopping reichen aus. Geld auszugeben tut nicht mehr weh. Dadurch verlieren viele junge Menschen aber auch Menschen allen Altersklassen den Überblick über ihre Raten und rutschen schnell in die Überschuldung.
Ist das Thema denn relevant für Münster?
Kleuser: Man sieht es dem Straßenbild in Münster vielleicht nicht an, aber die Not ist da. Die gestiegenen Lebenshaltungskosten und die hohen Energiepreise haben die finanziellen Reserven vieler Familien komplett aufgefressen. Wenn der Puffer weg ist und dann etwas Unvorhergesehenes passiert – eine kaputte Waschmaschine oder eine saftige Nebenkostennachzahlung –, dann bricht das finanzielle Kartenhaus einfach zusammen.
Wer sitzt dann bei Ihnen im Büro? Gibt es den „typischen“ Menschen, der nicht mit Geld umgehen kann?
Kleuser: Ganz klar: Nein. Das Klischee vom Bürgergeldempfänger oder sorglosen Konsumenten, der das Geld achtlos aus dem Fenster wirft, ist schlichtweg falsch. Schulden können heute wirklich jeden treffen. Sehr oft sind es völlig unverschuldete Schicksalsschläge, die Menschen in die Krise stürzen: eine unerwartete Trennung, der plötzliche Jobverlust, eine schwere Krankheit oder der Tod des Partners.
“Scham zahlt keine Rechnungen. Aber sie verhindert oft, dass Menschen rechtzeitig Hilfe suchen.”
Um Hilfe zu bitten, kostet viel Mut. Geldnot ist extrem schambesetzt. Was raten Sie Menschen, die sich nicht trauen, Hilfe zu holen?
Kleuser: Es ist zutiefst menschlich, sich zu schämen. Aber diese Scham zahlt leider keine Rechnungen. Im Gegenteil: Sie führt oft dazu, dass die Menschen erstarren. Die Briefe vom Inkassobüro werden nicht mehr geöffnet und die Schulden wachsen durch Mahngebühren immer weiter. Mein dringender Rat ist: Ziehen Sie die Reißleine. Bei uns wird niemand verurteilt. Wir schauen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger darauf, was in der Vergangenheit schiefgelaufen ist. Wir schauen gemeinsam darauf, wie wir die Zukunft wieder auf ein festes Fundament stellen können.
Wie genau sieht diese Hilfe der Beratungs- und BildungsCentrums der Diakonie Münster aus, wenn jemand diesen mutigen ersten Schritt macht?
Kleuser: Wir verschaffen uns im ersten Schritt gemeinsam einen Überblick: Wo brennt es gerade am meisten? Wir helfen sofort dabei, die Existenzgrundlagen zu sichern – also dafür zu sorgen, dass Miete und Strom bezahlt sind. Dann bringen wir Ordnung in die Unterlagen und erarbeiten einen realistischen Sanierungsplan. Wir übernehmen die Verhandlungen mit den Gläubigern und begleiten unsere Klientinnen und Klienten, wenn es nötig ist, auch Schritt für Schritt durch das Privatinsolvenzverfahren. Das Wichtigste für die Betroffenen: Unsere Beratung ist kostenlos, streng vertraulich und absolut professionell.
Was ist Ihnen bei ihrer Arbeit besonders wichtig?
Kleuser: Schulden rauben den Menschen den Schlaf, die Energie und sehr oft auch die Lebensfreude. Wenn jemand nach unserem ersten Gespräch hier das Büro verlässt und zum ersten Mal seit Monaten wieder richtig tief durchatmen kann, weil es endlich einen konkreten Plan gibt – dann freu ich mich, dass wir helfen konnten.
Ein Satz zum Abschluss für alle, die gerade zögern, Sie anzurufen?
Kleuser: Warten Sie nicht, bis der Gerichtsvollzieher vor Ihrer Tür steht. Greifen Sie zum Hörer, rufen Sie uns an – den Weg aus den Schulden müssen Sie ab heute nicht mehr alleine gehen.
Beratungs- und BildungsCentrum Diakonie Münster

Marion Kahn
Geschäftsleitung, Sozial-Betriebswirtin, Systemischer Business-Coach (DBVC), zertifiz. PERMA-Lead®-Beraterin
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