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Neujahrsempfang der Starken Pflege in Münster

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Pflege braucht Zusammenarbeit und mutige Ideen

Beim Neujahrsempfang der Starken Pflege in Münster am 23. Januar standen aktuelle Entwicklungen in der Pflege sowie die Vernetzung von Akteurinnen und Akteuren aus Pflege, Politik, Verwaltung und der Zivilgesellschaft im Mittelpunkt. Trotz der vielfältigen Herausforderungen in der Pflege wurden auch ermutigende Perspektiven aufgezeigt. Ein besonderer Fokus lag auf der Frage, wie künstliche Intelligenz, Robotik und digitale Lösungen künftig zur Sicherung der pflegerischen Versorgung beitragen können.

Der Verein Starke Pflege in Münster vereint 24 Träger, die Leistungen rund um die Pflege anbieten. Er setzt sich unter anderem für gute Ausbildung in der Pflege und bezahlbaren Wohnraum für Pflegekräfte und Auszubildende ein. Entscheidend sei jedoch, dass die Versorgung pflegebedürftiger Menschen, nicht zuletzt angesichts des demografischen Wandels, verlässlich sichergestellt werde, erläuterte Bernhard Sandbothe, der zusammen mit Stefanie Duesmann und Matthias Losinzky den Vorstand bildet. Inhaltlich engagiert sich der Verein, der mit städtischen Mitteln gefördert wird, aktiv und bringt die Anliegen der Pflege in den Dialog mit Entscheidungsträgerinnen und -trägern auf kommunaler, Landes- und Bundesebene ein – etwa mit einem Flashmob gemeinsam mit Kommunalpolitikerinnen und -politikern.

Mehr als eine Plattform: Der Marktplatz Ambulante Pflege Münster

Rückenwind in der Pflege sei kein Selbstläufer. Er entstehe, wenn Menschen sich zusammenschließen, Verantwortung teilen, neue Wege gehen würden, betonte Stefanie Duesmann. Ein gelungenes Beispiel dafür sei der Marktplatz Ambulante Pflege, ein digitales Instrument, das in Zusammenarbeit mit der Stadt Münster und den ambulanten Pflegediensten entwickelt wurde. Entstanden sei dieses Projekt durch Vertrauen ineinander und das gemeinsame Ziel der Versorgungssicherheit, so Duesmann. „Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel und steigenden Bedarfen ist das ein starkes Signal!“

Das digitale Tool sei mehr als eine Plattform: Es zeige, dass Netzwerke in der Pflege kein theoretisches Konzept bleiben müssten, sondern den Alltag ganz konkret verbessern würden – für Pflegebedürftige, für Angehörige und für die ambulanten Dienste. Der Marktplatz Ambulante Pflege bringe Anfragen, Kapazitäten und Bedarfe zusammen und schaffe Transparenz. Das persönliche Gespräch ersetze das Instrument dabei nicht. Beratung bleibe ein zentraler Bestandteil der Arbeit. Der Marktplatz nehme keine Aufgaben ab, sorge aber für mehr Effizienz und verhindere vor allem, dass Pflegebedürftige und ihre Angehörigen von Anruf zu Anruf weiterverwiesen würden.

Entstanden sei das Projekt nicht am grünen Tisch, sondern aus der Praxis heraus und in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Münster. Ein besonderer Dank gelte dabei Karin Stritzke vom Infobüro Pflege der Stadt Münster, die das Vorhaben über mehrere Jahre hinweg gemeinsam mit den Beteiligten konzipiert, weiterentwickelt und kontinuierlich begleitet habe, so Duesmann. Digitalisierung in der Pflege dürfe kein Selbstzweck sein, sondern müsse einen spürbaren Mehrwert bieten. Dieser entfalte sich insbesondere dann, wenn digitale Lösungen vernetzt gedacht und gemeinsam umgesetzt würden. Der Marktplatz Ambulante Pflege zeige eindrücklich, dass dort, wo Verwaltung, Pflegepraxis und Digitalisierung zusammenwirken würden, tragfähige und zukunftsweisende Lösungen entstehen könnten – mit Vorbildcharakter auch über Münster hinaus.

Im Austausch mit der Politik: Wege für mehr verlässliche Pflegeversorgung öffnen

Matthias Losinzky dankte der Politik für die zahlreich geführten Dialoge. In den Gesprächen habe man stets das Gefühl gehabt, auf offene Ohren zu stoßen. „Wenn wir so ein Miteinander haben, kann man auch im Alltag Dinge verändern und miteinander gestalten, das ist uns im Vorstand und im Verein der Starken Pflege wichtig. Wir wollen keine Bedenkenträger sein. Wir wollen Lösungen schaffen, lösungsorientiert arbeiten und das miteinander“, so Matthias Losinzky.

Als positives Beispiel hob er den Vorstoß der Starken Pflege hervor, Busspuren in der Stadt Münster auch für Fahrzeuge ambulanter Pflegedienste nutzbar zu machen. Ziel sei es, Pflegekräfte schneller und verlässlicher zu den ihnen anvertrauten Menschen zu bringen – statt sie im städtischen Verkehrschaos auszubremsen und wertvolle Arbeitszeit im Auto zu verlieren. Durch intensive Gespräche und beharrliches Engagement sei das Anliegen inzwischen in der Kommunalpolitik angekommen. Die Starke Pflege habe erreicht, dass die Mitnutzung der Busspuren durch ambulante Pflegedienste als Prüfauftrag in den Koalitionsvertrag aufgenommen worden sei.

Zwischen Fortschritt und Verantwortung: Digitalisierung, KI und Robotik in der Pflege

Einen fachlichen Impuls setzte Professor Sven Kernebeck, Professor für Digitalisierung im Gesundheitswesen an der Fachhochschule Münster. In seinem Vortrag ging er der Frage nach, was man durch Digitalisierung in der Pflege tatsächlich gewinnen könne: mehr Zeit, bessere Versorgung – oder beides? Eine eindeutige Antwort sei jedoch nicht einfach. Die Effekte digitaler Technologien seien empirisch schwer zu messen, die Studienlage insgesamt noch dünn und nur eingeschränkt verallgemeinerbar. Mit der Digitalisierung würden jedoch große Hoffnungen verbunden: Zeitersparnis durch die Übernahme von Routineaufgaben, Entlastung bei körperlich belastenden Tätigkeiten sowie eine verbesserte und präzisere Dokumentation.

Dem stünden allerdings auch Risiken gegenüber – etwa Technostress, steigende Komplexität, zusätzliche Bürokratie durch Doppel-Dokumentationen und daraus resultierende Frustration bei den Mitarbeitenden. Entscheidend sei daher nicht der bloße Einsatz digitaler Technik, sondern der klare Fokus auf eine tatsächliche Verbesserung der Versorgung. Gewonnene Zeit müsse den Menschen zugutekommen und dürfe nicht vorrangig ökonomischen Interessen dienen, so Sven Kernebeck. Als sinnvoll und praxistauglich nannte er unter anderem digitale Wunddokumentation, das Scannen und Fotografieren von Unterlagen, digitale Wundvermessung sowie Sprachdokumentation. Große Dynamik sehe er zudem im Bereich der Robotik, insbesondere durch die Verbindung mit generativer Künstlicher Intelligenz. Als Beispiel nannte er den sogenannten Empathie-Roboter „navel“, der Emotionen erkennen, sich erinnern, kommunizieren und lernen könne. Der Einsatz werde derzeit in Altenpflegeeinrichtungen vor allem zur Aktivierung erprobt – werfe aber zugleich grundlegende Fragen auf, etwa danach, ob und in welchem Umfang zentrale pflegerische Aufgaben von Robotern übernommen werden sollten. Am Ende, so die Schlussfolgerung, müsse jede technologische Entwicklung einem klaren Maßstab folgen: Sie müsse den Menschen dienen – den Pflegebedürftigen ebenso wie den Pflegekräften.